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Die Lesesucht der "Frauenzimmer"

Bereits im 18. Jahrhundert war die angeblich besonders unter Frauen grassierende »Lese-sucht« Thema der Publizistik gewesen und hatte Anlass zu Kritik gegeben, und das, obwohl sich die Lesefähigkeit der Frauen vor der Aufklärung nur auf eine exklusive Schicht von Adligen und Nonnen beschränkt hatte. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfasste die »Lesesucht« auch »die einfachen Frauen aus dem Volk«. Die kleinformatigen Almanache, die damals in endlosen Variationen den deutschen Buchmarkt beherrschten, wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts fast ausschliesslich zu einer Sache des weiblichen Publikums. Für viele Frauen stellten sie die wichtigste, teilweise sogar die einzige Lektüre dar. Junge, unverheiratete Töchter aus gebildeten Häusern vertieften sich in Musenalmanache, nach der Heirat nahm frau Damenkalender oder Frauentaschenbücher zur Hand, und zur geselligen Unterhaltung im Familien- und Freundeskreis waren literarische Taschenbücher die bevorzugte Wahl.

Auf die steigende Nachfrage reagierten Herausgeber und Verleger gezielt mit Almanachen und Taschenbüchern für das »Frauenzimmer«, für »Deutsche Frauen«, für »Mädchen«, für »Mütter«, für »Hausfrauen und Gattinnen« oder für »Deutschlands Töchter«, kurz für alle weiblichen Wesen, die lesen konnten. Für ihre Publikationen liessen sie sich klangvolle Titel wie Penelope, Iris, Cornelia, Minerva, Lilien oder Charitas einfallen. An diesen zwar oft abschätzig als »Damenschriftstellerei« bezeichneten Publikationen beteiligten sich auch berühmte Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried Herder, Friedrich Hölderlin, Jean Paul und Friedrich Schiller. Regelmässig belieferten sie die Damenpublikationen ihrer Verleger mit Texten und hoben sie damit von anderen Almanachen ab.

Aufgabe der Almanache war anfangs allerdings weniger die Unterhaltung als die Belehrung. Neben praktischen Inhalten, wie z.B. eine Tabelle für Einnahmen und Ausgaben zur Erleichterung der Haushaltsführung und der Schonung des »Beutels ehrbarer Hausväter« oder dem Fahrplan der Postkutschen, enthielten sie vorerst vornehmlich Gedichte mit religiösen Inhalten oder solche, die der häuslichen Andacht dienten. Im Laufe der Jahre traten an Stelle der Gedichte Erzählungen, die nicht nur in der Anzahl, sondern auch an Länge zunahmen und deren Protagonistinnen das Ideal ihres Geschlechts verkörperten. Sanftmut, Demut, Bescheidenheit, Geduld und religiöser Glaube lassen sie einen Mann gewinnen und führen sie zum ersehnten Ziel: zur Heirat. Die Erziehung der Frau zu gesellschaftskonformem Verhalten war auch das Hauptanliegen bei der Darstellung historischer und zeitgeschichtlicher Stoffe. Von den grossen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, von der Napoleonischen Herrschaft und der Neuordnung Europas erfuhren Frauen durch ihre Lektüre somit wenig.

Doch allen belehrenden Inhalten zum Trotz durfte auch die Geselligkeit nicht zu kurz kommen. Eine Besonderheit in dieser Hinsicht waren die Beilagen: Klavier- und Gesangsnoten sowie Stick-, Strick- und Häkelmuster sollten Frauen dazu anregen, in ihrer Freizeit nützlichen Beschäftigungen nachzugehen, natürlich ohne ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter zu vernachlässigen.

Die Zahl konkurrierender Herausgeber und Verleger war gross, und so erstaunt es nicht, dass manche Almanache ihr Niveau nicht halten konnten oder sich schlecht verkauften, weil ein reicher ausgestattetes oder interessanter aufgemachtes Bändchen erschien. Der Inhalt wurde immer gleichförmiger, der Qualitätsverslust immer offensichtlicher. Während frühe Bändchen mit Erstdrucken berühmter Dichter hatten aufwarten können, boten beispielsweise die letzten Jahrgänge der Cornelia oder Penelope nur noch sentimentale und seichte Unterhaltung. Der »Leseseuche« verfallene »Frauenzimmer« mussten ihre Leselust nun anderswo stillen.

Frauenalmanache und viele weitere Almanache, Kalender und Taschenbücher aus dem Bestand der Museumsgesellschaft sehen Sie in unserer neuen Ausstellung im Foyer im 1. Stock sowie im Debattierzimmer im 3. Stock.