Suche im Katalog   

«Die Welt wird unermesslich grossartig» – im Ballon über die Alpen

«Wir steigen; lautlos, fast möchte ich sagen bewegungslos. Wir steigen und steigen; die Luft wird kühl und scharf. Immer gigantischer ragen und glänzen und drohen und locken die nahen Riesengipfel, und in unserem Korbe hebt allgemach eine Aufregung an, als ob es ein Bienenkorb wäre.»

Viele Versuche sind unternommen worden, die höchste Wasserscheide Europas zu überfliegen. Derjenige des Ballons Cognac und seiner vier Passagiere – Ballonführer Victor de Beauclair, Konrad Falke, Direktor der Jungfraubahn Gebhard Adolf Guyer und seine Braut Fräulein Marie Löbenberg – im Jahr 1908 ist der erste, bei dem die Überquerung der Berner und der Walliser Alpen in einem Flug gelang. Erstmalig ist auch die Überwindung des majestätischen Dreigestirns Eiger, Mönch und Jungfrau. Neben den vier Mitreisenden befinden sich im Ballonkorb auch Esskörbe und Champagner sowie ein «photographischer Apparat». Ihm verdanken wir die spektakulären Bilder der Alpengipfel und des Aletschgletschers in der 1908 erschienenen Publikation des Fotografen Guyer, ergänzt durch einen packenden Bericht von Konrad Falke.

Gestartet wird bei der Station Eigergletscher. Nach zwei Tagen treffen nicht nur alle Teilnehmer, sondern nach einer Zollverzögerung auch der Ballon ein. Ungünstiger Wind verhindert vorerst den Start; dann gibt die Meteorologische Zentralanstalt in Zürich telegrafisch grünes Licht. In aller Eile wird nach Interlaken telefoniert, und blitzschnell werden die Plakate, die die Ballonfahrt für «die nächsten Tage» ankündigten, ersetzt durch neue: «Heute Ballonaufstieg am Eigergletscher». Scharen von Neugierigen werden durch die Jungfraubahnen herangebracht.

Nach einem atemberaubenden Aufstieg, der immer wieder durch die Worte «Ruhe! Stillhalten!» des Fotografen unterbrochen wird, bis der Apparat geknipst hat, gerät der Ballon über dem Aletschgletscher in ein Gewitter, was zu einem rasanten Höhenverlust bis hinunter aufs Eis führt. Der Korb schleift über den Boden, ein heftiger Stoss wirbelt die Sandsäcke durch die Luft und bringt den Korb in eine Schieflage, in der er bis zur Landung am nächsten Tag verbleiben wird. Nichtsdestotrotz bleiben sie guten Mutes: «Fräulein Löbenberg, die einen [Sandsack] gerade an den Kopf erhielt, ordnet ihre Frisur und bemerkt kaltblütig, indem sie ihre Kämme zusammensucht: ‹Es findet sich alles wieder!›. Guyer flog der Zeissfeldstecher ans Kinn und der Hut vom Kopf; aber auch diese Dinge sind im Korb geblieben.» Die erste Hürde ist geschafft, und dies muss verkündet werden: «Wir werfen an einem belasteten roten Fetzen einen in Eile geschriebenen Postkartengruss für die ‹Neue Zürcher Zeitung› hinab und bedeuten dem Geissbuben, der ihn aufhebt, er möchte ihn nach dem in der Höhe sichtbaren Hotel Belalp tragen». Weiter geht es knapp über dem Boden ins offene Rhonetal, auch dies nicht ganz ohne Zwischenfall – diesmal am Boden, nicht in der Luft: «Ein Mann erhält von unserem Schleppseil, das plötzlich hinter ihm vom Dach herunterkollert, einen Schlag, der ihn umwirft, doch nimmt er nichtsdestoweniger ein am roten Tuchfetzen hinabgeworfenes Postkarten-Telegramm sofort in Empfang und lüftet grüssend den Hut.» Über Brig beginnt der Ballon zu steigen; abends – Domodossola ist schon in Sicht – kommt er fast zum Stillstand und verharrt so bis am frühen Morgen. Einem erneuten Aufstieg bis fast 6000 Meter folgen Sinkflug und Landung: «Wir stürzen abwärts durch den Himmel, tausend, zweitausend Meter, und merken es kaum. Die auffälligste Veränderung besteht darin, dass uns das Kirschenessen auf einmal mehr Freude macht, dass wir aus unserer Wortkargheit erwachen und zu plaudern anfangen.» Wieder am Boden wird bei Gignese mit dem letzten Schluck Champagner auf den Flug und auf die Verlobung von Fräulein Löbenberg und Herrn Guyer angestossen.

Im Ballon über die Jungfrau nach Italien. Naturaufnahmen aus dem Freiballon von Gebhard A. Guyer. Mit einem Anhang «Himmelfahrt – Traversierung der Alpen im Ballon ‹Cognac›» von Konrad Falke. Berlin, Vereinigte Verlagsanstalten Gustav Braunbeck & Gutenbergdruckerei 1908. G 2940.