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Erlebnisse einer Serviertochter

«Mit Ihnen kann man nicht reden, Sie sind ja ganz verschroben!» Die Erlebnisse von Annelise Rüegg

Annelise Rüegg wird 1879 in Uster in eine Arbeiterfamilie geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters müssen die Kinder zum Familieneinkommen beitragen: Bereits als 14-Jährige arbeitet Annelise Rüegg in der Fabrik und nimmt verschiedene Gelegenheitsjobs wahr. Mit Erreichen des 16. Altersjahrs kann sie als Serviertochter arbeiten. Als der Kanton Zürich ein Jahr später die Altersgrenze für Kellnerinnen auf 20 erhöht, reist sie 1896 ins Welschland, um dort eine Stelle als Dienstmädchen anzutreten. Es folgen Anstellungen in Lugano, Liverpool, San Remo, Baden-Baden und Basel. 1910 arbeitet sie als Klubfräulein im Zürcher Baur au Lac und kommt über das dort aufliegende «Volksrecht» in Kontakt mit den Ideen der Sozialdemokratie. Der Versuch, diese am Arbeitsplatz umzusetzen, führt bald darauf zu ihrer Entlassung. 1911 und 1913 arbeitet sie während der Saison in Oran, Algerien, 1913 wird ihr Buch: «Erlebnisse einer Serviertochter» veröffentlicht.

Das Buch passt zu den insbesondere in Deutschland in dieser Zeit erscheinenden «Arbeiterbiografien». Rüegg beschreibt die Verhältnisse in der Gastwirtschaft zu einer Zeit, als deren wirtschaftliche Bedeutung für die Schweiz schon sehr gross ist, die Arbeitsverhältnisse aber noch in keiner Weise geregelt sind und die Angestellten über keinerlei Schutz verfügen. Die Arbeit im Gastgewerbe ist besser bezahlt als die Fabrikarbeit, sie ist abwechslungsreicher und ermöglicht es, verschiedene Regionen kennenzulernen.

«Liebe Mutter, ich weiss du hast immer ein wenig Angst um Deine Annelise, aber glaub’s, die ist fester als der Granit im Gotthard. Begreifen kannst du das natürlich nicht, dass ich in einem Tage mehr als fünf Franken verdiene, wo du, und wenn du noch so fleissig bist mit Seide knüpfen, nie mehr als einen Franken im Tag verdienst.»

Nicht immer jedoch ist der Lohn so gut, oft sind die Serviertöchter allein aufs Trinkgeld angewiesen. Insbesondere die daraus entstehende Abhängigkeit des Personals von den Gästen wird als moralische Gefahr für die jungen Mädchen wahrgenommen. «Sehr hasste ich einige Gäste, welche meinten […] eine Kellnerin dürfe nichts dagegen haben, wenn man sie ein bisschen anfasse; das Trinkgeld mache alles wieder gut.»

Die Situation der Serviertöchter ist prekär, der Schritt in die Prostitution klein. Der Beruf ist schlecht angesehen. Das Servierpersonal arbeitet in der Regel 16 bis 17 Stunden pro Tag. Wo die Kantone keine Polizeistunde festgelegt haben, ist der Arbeitstag erst zu Ende, wenn der letzte Gast bezahlt hat. Ruhetage gibt es nicht. Freitage sind nur alle 3 Wochen vorgesehen, alternativ kann aber auch zweimal im Jahr ein Urlaub von 4 Tagen gewährt werden. Da viele Stellen im Gastgewerbe saisonal sind, können diese Freitage kaum je bezogen werden. «Ich möchte wissen, ob an dem Wirtschaftsgesetz auch sechzehn Stunden im Tag gearbeitet wurde, dass es für uns Angestellte so schlimm ausgefallen ist.»

«Erlebnisse einer Serviertochter» wird ein Erfolg, und vom verdienten Geld reist Annelise Rüegg Anfang 1914 nach Colombo. «Wenn ich hier bliebe, würde ich Tamulisch und Singhalesisch lernen, um die [Kulis] aufklären zu können. Vor allem möchte ich die Rikschakulis organisieren.» Sie bleibt aber nicht, sondern reist bereits im Februar nach Australien weiter.

In Australien wird sie vom Ausbruch des 1. Weltkriegs überrascht, gelangt aber 1915 zurück in die Schweiz. Auch dort bleibt sie nicht lange, sondern ist in den nächsten Jahren stets unterwegs und engagiert sich politisch als Pazifistin und Sozialdemokratin. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich mit Servieren und verarbeitet ihre Erlebnisse weiterhin in Buchform. 1916 erscheint: «Weitere Erlebnisse», 1918 «Im Kriege durch die Welt».

1920 reist Rüegg in die Sowjetunion, wo sie Lenin trifft. Der Aufenthalt ist aber insgesamt ernüchternd und führt zur Beendigung ihres politischen Engagements. 1934 stirbt sie in Lausanne.

 

Rüegg, Annelise: Erlebnisse einer Serviertochter, Zürich: Grütliverein, 1914. Signatur G 5348

Rüegg, Annelise: Weitere Erlebnisse (Der Erlebnisse einer Serviertochter zweiter Teil), Zürich: Grütliverein, 1916. Signatur G 5348: a

Rüegg, Annelise: Im Kriege durch die Welt, Erlebnisse aus der Kriegszeit, Zürich: Grütliverein, 1918. Signatur G 7166