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Wo die wilden Kerle wohnen

«…I would advise all those who wish to see unwrinkled brows in passport offices to start out ready labelled as entomologists, anthropologists, or whatever other -ology they think suitable. (…) for my part I travelled single-mindedly for fun. »

Zwischen 1927 und 1979 bereiste die 1893 geborene Engländerin Freya Stark den Nahen Osten. Ihr Interesse am Orient wurde früh durch die Lektüre von Tausendundeiner Nacht geweckt; es folgten Studien des Arabischen und Persischen und 1927 die erste Reise in den Libanon und nach Damaskus. 1930 brach Freya Stark nach Persien auf und erkundete das noch weitgehend unerforschte Alamuttal, wo die Assassinen, angeführt vom legendären «Alten vom Berg», dem sie bedingungslosen Gehorsam schuldeten, während 200 Jahren, in über 20 Burgen geherrscht hatten.

Als Assassinen wurden seit den Kreuzzügen Angehörige der schiitisch-islamischen Glaubensgemeinschaft der Nizariten bezeichnet. Die Benennung «Assassinen» ist eine Europäisierung der despektierlichen arabischen Fremdbezeichnung der Nizariten: Hassasin, was wörtlich Haschischraucher bedeutet, aber auch für soziale Aussenseiter oder Kriminelle genutzt wurde. Es handelte sich dabei um eine geheime Gesellschaft, die sich Ende des 11. Jahrhunderts im bergigen Nordwesten des heutigen Irans verbreitete. Ihre Lehre und ihre Dogmen wurden unter den Anhängern nur im Verborgenen weitergegeben. Als Methode im Kampf gegen ihre Feinde nutzten die Nizariten zielgerichtete Anschläge gegen entscheidende, meist sunnitische Führungspersönlichkeiten. Die Attentäter überlebten die Tat meist ebenfalls nicht. Entsprechend wurden die Nizariten mit Fanatismus, Sektierertum und Mord assoziiert, was dazu führte, dass der Begriff «Assassinen» als Ausdruck für Mörder, Mord und Morden Einlass in verschiedene europäische Sprachen gefunden hat. Im 13. Jahrhundert wurden die Festungen der Nizariten von den Mongolen zerstört. Seither leben sie als schiitische Minderheit mit geschätzten 15 –20 Millionen Anhängern verstreut über die ganze Welt, hauptsächlich aber in Indien und Pakistan.

Über ihre Reise zur ehemaligen Hochburg dieser, vom Westen seit dem Mittelalter als unheimliche Sekte von Mördern wahrgenommenen, religiösen Gruppierung verfasste Freya Stark ihr erstes Buch: «The Valleys of the Assassins and other Persian Travels». 1934 erschienen und auf Deutsch unter dem reisserischen Titel «Im Tal der Mörder» veröffentlicht, machte das Buch sie als Forschungsreisende bekannt.

Eines ihrer Ziele auf dieser Reise war die Burg Alamut, die Festung des «Alten vom Berg». Errichtet auf der Spitze eines hohen Felsens lag die Bastion auf über 2'000 m Höhe. Der Felsen selber ist 200 m hoch und war damit praktisch uneinnehmbar. Der Legende nach befahl der «Alte vom Berg» seinen Jüngern den Sprung vom Felsen in den Tod, um ihren blinden Gehorsam zu testen.

Im Zuge ihrer Reise korrigierte und komplettierte Freya Stark zudem das Kartenmaterial der Region. Dabei hatte sie damit zu kämpfen, dass jeder, den sie befragte, ihr einen anderen Namen für die umliegenden Berge nannte und ihre lokalen Informanten lieber spontan einen neuen Namen erfanden, als zuzugeben, dass sie nicht wussten, wie ein bestimmter Gebirgszug hiess. 1933 erhielt Freya Stark für diese kartografischen Verdienste als erst dritte Frau überhaupt den Back Award der Royal Geographical Society.

Trotz des Titels behandeln nur knapp 40 des über 450 Seiten starken Buches den Besuch des Alamuttales. Der Rest beschreibt andere Reiseziele in Persien, die Freya Stark 1931 und 1932 aufgesucht hat. Man darf vermuten, dass der Titel der Faszination des Westens mit dem schon so lange mystifizierten Geheimorden der Assassinen geschuldet ist und zum Erfolg des Buches beigetragen hat.

 

  1. Freya: The Valleys of the Assassins and Other Persian Travels. London: John Murray, 1934. Signatur A 6447
  2. Feya: Im Tal der Mörder. Eine Europäerin im Persien der dreissiger Jahre. Stuttgart: Ed. Erdmann, 1991. Signatur H 7694